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„Anilin veredelt“: Eine neue Lederart?

Manfred Horbach, BSR-Fachbereichsleiter Polstern, und Frank Recht, BSR-Mitglied, geben Antwort auf die Frage: „‚Anilin veredelt‘ – sinnvolle zusätzliche Lederart oder doch nur Marketing?“

In der Vergangenheit war es bei Leder für den Polstermöbelbereich gängige Praxis, dass einige Gerbereien bei Anilinleder noch eine leichte Schönung mittels einer sehr feinen Pigmentzurichtung vorgenommen haben. Ziel war es, die Flächenruhe des Gesamtbilds und somit auch den Zuschnitt sowie die Empfindlichkeit im Gebrauch zu optimieren. Zudem fielen mit diesem Verfahren mehr Rohhäute in die Anilinsortierung. Wurden Leder dieser Art geprüft, konnten sie aufgrund des Pigmenteinsatzes nicht als Anilinleder bezeichnet werden, sondern bestenfalls als Semianilin. Da sie aber auch die erforderlichen Echtheiten des Semianilins nicht erfüllten, wurde von der Lederindustrie in  Verbindung mit der Polstermöbelindustrie und einzelnen Verbänden eine neue Lederart gefordert und geschaffen: „Anilin veredelt“.

In Erprobung

Der Begriff „Anilin veredelt“ ist bis Dato nur in der RAL GZ 430 „Gütersicherung Möbel“, Ausgabe 2016, und der RAL 061 A1 „Abgrenzung der Qualitätsklassen von Polsterleder im Möbelbereich – Bezeichnungsvorschriften und Gütebedingungen“, Ausgabe 2016, zu finden. In den einschlägigen DIN Normen wie DIN EN 15987 „Leder – Terminologie –  Hauptdefinitionen für den Lederhandel“, DIN 68871 „Möbel – Bezeichnungen und deren Anwendung“ und DIN 16223 „Leder – Anforderungen an Bezeichnung und Beschreibung von Leder für Polsterungen und die Innenausstattung von Automobilen“ ist diese Lederart nicht beschrieben oder erwähnt. In der RAL GZ 430 wird Anilin veredelt wie folgt beschrieben: „Leder, dessen natürlicher Narben deutlich und nahezu vollständig sichtbar sind. Die Zurichtungsdicke eines jeglichen Oberflächenüberzuges mit einer gering pigmentierten Zurichtung darf ≤ 0,015 Millimeter nicht überschreiten. Die Anforderungswerte für diesen Ledertyp befinden sich zur Zeit in Erprobung und sind noch nicht verbindlich.“ In der RAL 061 A1 heißt es: „Leder, das mit einer Zurichtung versehen wurde, die minimale Mengen an Pigment zur Farbegalisierung enthält, dessen natürlicher Narben noch deutlich sichtbar ist und bei dem die Haarkanäle nicht vollständig mit einer Zurichtung verschlossen sind. Die Dicke des Oberflächenüberzugs darf 0,01 Millimeter nicht überschreiten.“
„Anilin veredelt“ stellt Sachverständige vor Schwierigkeiten: Wo früher nur Anilin, Semianilin und gedecktes Leder zu beurteilen war ist nun die Schwierigkeit entstanden, zwischen Anilin, „Anilin veredelt“, Semianilin und gedecktem Leder unterscheiden zu müssen. Das geübte Auge kann hier mit einer makroskopischen Prüfung bezüglich der Haarporen und deren Füllung Unterschiede feststellen. Wobei es auch Abläufe in der Gerberei gibt – wie die Vakuumtrocknung – bei denen es bei der fertiggestellten Ware sehr schwer wird, überhaupt noch Haarporen zu erkennen. Gerade wenn eine leichte Pigmentierung aufgetragen wurde, fällt dies selbst Profis schwer. Pigmentierungen an sich sind relativ leicht auf der Oberfläche zu erkennen. Die Dicke dieser Färbung stellt allerdings ein Problem dar, das meist nur im Labor gelöst werden kann. Eine Schichtdickenmessung mit einem normalen Lichtmikroskop bei einer maximalen Beschichtung von ≤ 0,01 Millimeter ist nur sehr schwer, mit hohem Aufwand und sehr teurem Equipment zu  bewerkstelligen.

Fazit

„Anilin veredelt“ befindet sich wie schon in der RAL GZ 430 erwähnt, in der Erprobung. Es wird aber bereits hergestellt, angeboten und beworben. Daher sollte der Sachverständige die Vorgaben aus der RAL GZ 430 und RAL 061 A1 zur Beurteilung ansetzen. Hinsichtlich des hier vollführten Spagats zwischen Anilin, „Anilin veredelt“ und Semianilin, kann er dieser Entwicklung durchaus kritisch gegenüberstehen. Gerade weil Hersteller es mit den Begriffen nicht immer allzu genau nehmen besteht die Gefahr, Lederarten zu verwässern. Allerdings: Am Point of Sale ist einmal mehr das Fachwissen gefragt, um den Kunden nicht zu irritieren und das Leder entsprechend richtig zu erklären.

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